Tour de Ruhr 2001

Tour de Ruhr 2001

Vorwort

Die nachfolgende Dokumentation beruht auf einer Fülle wahrer Begebenheiten, die sich in den frühen Tagen des achten Monats im Jahre des Herrn 2001 hier in unserem unmittelbaren Umfeld zugetragen haben.

Keine Person ist frei erfunden, auch wenn es so aussieht.

Alles hat sich so ereignet, wie beschrieben, oder zumindest so ähnlich, denn das Leben schreibt Geschichten, die sich keiner in dieser Form ausdenken kann.


07.08.2001 - 1. Etappe

Dortmund – Haltern oder Aller Anfang ist schwer

Und los geht's!

Der Fredenbaumpark, Dortmund`s ältester Freizeitpark, ist Startpunkt der rund 250km langen Rundfahrt. Und sofort legen die Vier ein rasantes Tempo vor. In Windeseile ist der Dortmund-Ems-Kanal erreicht, und kurz darauf fliegt die ehemalige Mülldeponie Deusen förmlich vorbei.

Mitten inne alten Kolonie von Ickern ist es dann Zeit für die erste verdiente Pause. Und so werden die Bütterkes ausgepackt, die Poppo- creme ausgetauscht und erste Fachsimpeleien zum Thema Radfahren geführt. Enegieaufladen ist angesagt, denn bis zum nächsten strategischen Halt, dem Schiffshebewerk Henrichenburg, ist es noch ein Stück.

Dort angekommen wird erst einmal eine Kaffeepause eingelegt, um ja keinen falschen Ehrgeiz aufkommen zu lassen, denn man kann ja auch alles übertreiben!

Aber dann steht wieder Radeln auf der Tagesordnung, denn vorankommen müssen die vier ja schliesslich trotzdem, man hat ja in jedem Fall noch so einiges an Kilometern vor der Brust.

Doch irgendwann, zwischen Datteln und Haltern, inmitten der westfälischen Einöde – eben dort, wo sich der bekannte Schlaumeier mit dem buschigen Schwanz und der Hakenschläger mit den grossen Ohren angeblich immer „Gute Nacht„ sagen, in einem Kaff also namens Ahsen (hat immerhin eine eigene Kanalschleuse!), werden die stolzen Pedalritter vom ersten wirklich beeindruckenden Regenschauer überrascht. Gott sei Dank ist eine von ländlichem Charme geprägte Imbissstube mit einer ebenso vom ländlichem Charme geprägten Bedienung aus den späten vierziger Jahren in unmittelbarer Nähe.

Also nix wie rein und ran an die Fritten! Enorme Portionen erwarten die hungrigen Radfahrer, und egal, ob Du Majo willst oder nicht, sie wird mitgeliefert, denn es wird gegessen, was auf den Tisch kommt. Noch heute schwärmt Albert von dem saftigen Schweineschnitzel nach Art des Hauses.

Der Regen hört letztlich auf, und es geht an die letzten Buletten – sprich Kilometer – nach Haltern. Aber das zieht sich noch!

Zu guter Letzt ist das erste Etappenziel dann doch erreicht, und etwas müde, aber doch zufrieden erblicken die vier Helden Haltern.

Entweder sind allen die Strapazen ins Gesicht geschrieben, oder die Halteraner (weiss eigentlich irgendjemand, wie die Einwohner von Haltern genannt werden?) haben lange keine Fremdem mehr gesehen, denn unvermittelt stellt ein freundlicher Passant die Frage, woher man denn kommt. Die Antwort, „Wir sind heute morgen in Köln abgefahren!„ erntet zunächst Entsetzen, dann Erstaunen, und führt schliesslich zu massloser Bewunderung, die in den Worten „Das ist ja schon ein ganzes Stück!„ gipfelt.

Die warme nachmittägliche Sonne auf dem Marktplatz, dazu Cappuccino, Eis, Kaffee und Aqua-Kriminale entschädigen die vier Radler dann auch ausreichend für die gestrampelten Kilometer.

Man lernt ausserdem sehr schnell und anschaulich, wie die Halteraner (weiss denn jetzt endlich einer, wie die sich wirklich nennen?) so sind, und was sie wollen. Auf keinen Fall und mit entsprechender Beharrlichkeit Hotelgäste, denn zur besten Zeit – es ist so um die 16.00 Uhr – sind alle möglichen Hotels geschlossen, oder gerade dabei, selbiges zu tun. Also gibt es eine weitere mediterrane Stärkung und eine Verlängerung des lippisch geprägten Sonnenbades.

Zu guter Letzt lässt sich ein Eingeborenetablissement dann doch noch dazu herab, unseren Sportlern Obdach zu gewähren, und somit kommt es doch noch zum westfälischen Frieden. Für den Rest des Nachmittages ist Relaxen angesagt, entweder durch aktive Augenpflege in Form eines Nickerchens oder durch TV-Konsum. Aber letzteres hat so seine Tücken, denn ausgerechnet das 1. Programm funktioniert nicht, und justamente da wird das Spiel des BVB übertragen.

Doch wozu hat man schliesslich die geballte Kompetenz der Hotelangestellten mitgebucht.

Alles kein Problem! Kurzfristig meldet sich ein dienstbarer Geist auf dem Zimmer mit den Worten: „Nix schwierig, ich machen schnell fertig!„ (Hört sich so der bekannte westfälische Dialekt an?), und begibt sich voller Elan zum TV-Gerät. Erfreut über so viel Dienstleistungsbereitschaft schauen die beiden Zimmerbewohner dem nun folgenden trouble-shooting mit grossem Interesse und einer gewissen Spannung und zu. Irgendwie scheint die Fehlersuche planmässig abzulaufen, denn akribisch werden nacheinander alle vorhandenen Knöpfe der Fernbedienung ausprobiert. Nach ungefähr 10 Minuten sind all diese Knöpfe abgearbeitet, und weiterhin funktionieren alle Programme einwandfrei mit Ausnahme des Ersten (Borussia spielt bereits seit 20 Minuten!!!). Doch das Gesicht unseres Ersthelfers drückt weiterhin grenzenlosen Optimismus aus, scheint er doch dem Fehler jetzt unmittelbar auf der Spur zu sein. Denn als nächstes veranstaltet er mit den Strom- und Antennenkabeln einen gezielten Ausdauer- und Belastungstest, den er mit dem knappen fachmännischen Statement: „Hab gleich gedacht, Kabbel geht!„ ergebnistechnisch zusammenfasst (Borussia spielt inzwischen eine halbe Stunde, und hätten wir vorgehabt, länger in Haltern zu verweilen, so hätte die grosse Chance bestanden, zumindest das Rückspiel zu verfolgen, aber das würde ohnehin im ZDF übertragen).

Inzwischen tritt ein weiteres Problem auf, denn Anette, nur spärlich bekleidet und unter dem flauschigen Federbett verborgen, verspürt den Wahnsinnsdrang, ihre Blase zu entleeren, weil sie von einer natürlichen Inkontinenz geplagt wird, die auf die Flüssigkeitszufuhr der letzten 2 Stunden zurückzuführen ist. Diplomatische Brücken, die dem hilfsbereiten Mitarbeiter gebaut werden, um endlich seine Tätigkeit einzustellen und Anette somit den Weg zum WC freizugeben, werden nicht betreten, denn geht nich` gibt`s nich`. Und es wird weiter gedrückt, was die Knöpfe der Fernbedienung hergeben und an den Kabeln gezurrt und gezerrt, als ginge es darum, einen olympischen Tauziehwettbewerb zu gewinnen. Doch dann wird doch die weisse Fahne hochgezogen und unser Freund verabschiedet sich mit den Worten: „Das muss sein ganz anders!„ (Hatte ich mir doch gleich gedacht!).

Also erreicht Anette doch noch trockenen Bettes die Schüssel, und Manni das Zimmer von Gisela und Albert, denn deren Fernsehen muss ja funktionieren. Da angekommen erfährt er, dass das Spiel eine Stunde später begonnen hat, und da alle Hunger verspüren, lässt man Fussball Fussball sein, und begibt sich zum Italiener. Dort verbringt man einen wunderschönen Abend bei gutem Essen und leckeren Getränken, und bestaunt den ergiebigen Landregen, der draussen auf Haltern herniedergeht.


08.08.2001 - 2. Etappe

Haltern – Wesel oder Wind von vorn, erzeugt Kummer und Zorn

Nach dem Frühstück geht es gutgelaunt los. Die Strecke am Kanal ist eigentlich ideal zum Radfahren, aber schon nach wenigen Kilometern spüren die Vier den unnachgiebigen Gegenwind in den Beinen. Also weg vom Wasser und der vorgegebenen Route und schnellstens eine eigene Strecke finden, da ja bekanntlich viele Wege nach Wesel führen. Das Wetter meint es im übrigen (noch) gut, und irgendwann ist Dorsten erreicht. Albert und Gisela machen sich um die deutsch-türkische Freundschaft verdient, und kurbeln den Umsatz einer Dönerbude kräftig an.

Für Albert ist gerade Ablenkung ausserordentlich wichtig, denn sein Gesäss verwandelt sich langsam aber stetig in rosernes Tartar, da hilft auf Dauer auch keine Poppocreme, sondern allenfalls gutes Zureden und handwerkliches Geschick von Gisela.

Darüber hinaus beginnt sich das Wetter jetzt doch rasant zu verschlechtern, und man ist dankbar für jeden sich zufällig ergebenden Unterschlupf, sei es in Form schützender Bäume oder eines Wartehäuschens einer Bushaltestelle an der Landstrasse Richtung Wesel. Und so schleppt sich die Fahrt, von Regengüssen regelmässig unterbrochen, so dahin. Gisela träumt von ihrem nächsten Hotelbett, und Albert und Manni von Unmengen des nahrhaften Gerstensafts namens Pilsbier.

Ein letzter planmässiger Halt wird schliesslich in Hünxe (wer es nicht kennt, hat nichts verpasst, wer da war, will nicht wieder hin!) durchgeführt. Im dortigen Cafe gelingt dennoch Restauration bei Kaffee, Kuchen und Gästen, deren Durchschnittsalter jenseits der 70 liegen muss. Albert ist ausgesprochen erfolgreich bei der Buchung des anstehenden Nachtquartiers in Wesel und verschwendet dadurch kaum noch Gedanken an sein geplagtes Hinterteil.

Jetzt geht es nur noch darum, den kürzesten und schnellsten Weg zum Zielort ausfindig zu machen. Mit Hilfe der Einheimischen kann das ja auch kein Problem sein, - so denkt man. Die Cafe-Bediensteten sind zwar ausgesprochen hilfsbereit aber mehr oder weniger unentschlossen, welchen Rat sie denn nun geben sollen. Und so kommt es zu solch präzisen Informationen wie: „Kein Problem! Fahren Sie doch da vorne an der Kreuzung einfach links und dann rechts und dann immer gerade aus. Aber besser ist es wahrscheinlich hier vorn links zu fahren und dann immer der Beschilderung nach, aber ich weiss nicht, ob das wirklich besser ist. Wahrscheinlich fahren Sie doch da vorn links, ....................„.

Während die Ureinwohner von Hünxe zum Wohle der Fremden noch um die beste Lösung sprich Route ringen (das tun sie wahrscheinlich immer noch, wenn sie nicht gestorben sind), befinden sich unsere Pedalvirtuosen schon längst wieder im Sattel Richtung Wesel, und es geht zügig voran. Lediglich ein meteorologischer Mix aus Regen und Hagel zwingt zum nochmaligen Halten unter einem Mordsding von Baum an einem Landgasthof. Schade, dass es hier keine Zimmer gibt, sonst könnte man sich gleich den Rest nach Wesel schenken.

Dort angekommen entpuppt sich die Suche nach dem Hotel als Kinderspiel, den dieses liegt förmlich auf dem Präsentierteller der Landstrasse.

Äusserlich ziemlich ansprechend, doch die Zimmer haben den niederrheinischen Charme einer gehobenen Abstellkammer. Allgemein tröstet man sich damit, dass es ja nicht mehr schlimmer kommen kann (weit gefehlt, ha-ha-ha!). Es ist schon beeindruckend, wie weitreichend der Begriff auszulegen ist.

Aber egal, Hauptsache trocken!

Abends dann ein wie in Haltern ähnlich gutes Essen und Trinken. Und obwohl der Abend von allen unisono mit den Worten „Ich glaube, heute werde ich nicht alt!„ eingeleitet wird, werden unsere Helden steinalt, und der kroatische Wirt beginnt bereits in Erinnerung an seine Biervorräte Kummerfalten auf die Stirn zu setzen.


09.08.2001 - 3. Etappe

Wesel – Mülheim oder Wie wir lernten, eine Zwiebelbude zu lieben

Voller Tatendrang und frühstückstechnisch bestens versorgt geht es weiter Richtung Duisburg. Die aufgezeigten 32km dorthin werden mitleidsvoll belächelt (Wartet`s nur ab!).

Kurz hinter Wesel sind Albert und Manni untröstlich, weil Sie einem offenbar völlig verwirrten und verstörten Niederrheiner (Kalkar ist doch niemals ans Netz gegangen, oder?) nicht den Weg zum nächsten Supermarkt weisen können.

Nach einem kurzen Abstecher zum Rhein- auch dort ist es wieder viel zu windig - erreicht man alsbald Duisburg, genauer gesagt Alt-Walsum. Dieser Vorort trägt seinen Namen zu Recht, zumindest den ersten Teil, denn das dortige Cafe ist wird von ganzen Krampfadergeschwadern bevölkert, so dass man meinen könnte, die Gäste aus dem Cafe in Hünxe sind schon wieder da.

Beeindruckt sind unsere Vier auch dort wieder von der beispielhaften Ortskenntnis der einheimischen Bevölkerung und deren ausgezeichneten Detailwissen über die nähere Umgebung. Denn auf die Frage, wie man wohl auf dem kürzesten Weg nach Ruhrort gelangt, bricht eine wahre Informationsflut ohne grosse Umstände aus dem Cafebesitzer (?) mit den Kaffeeflecken auf dem karierten Hemd hervor: „Sie können geradeaus fahren oder auch links abbiegen, aber wahrscheinlich ist es am günstigsten rechts herum zu fahren, da fährt irgendwo auch die Strassenbahn nach Ruhrort. Da kommt dann irgendwann auch der neue Freizeitpark. Da gibt es sogar Kletterwände und all` so was (???). Den sehen Sie schon von weitem. Den können Sie nicht verfehlen! Ist ja fast alles neu gemacht hier, man erkennt ja nichts mehr wieder!„

Doch unsere Pedaleure wollen nicht klettern oder all` so was, und auch auf die neuen Errungenschaften haben sie keinen Bock, sie wollen schlicht und ergreifend Duisburg mit dem Fahrrad durchqueren. Mit Hilfe eines kompetenten Kioskbesitzers gelingt dann doch die Anfahrt auf Duisburg. Diese Stadt zu durchfahren entwickelt sich allerdings zur Tortur, sie muss die flächenmässige Ausdehnung von Grönland haben. Kilometer um Kilometer geht es vorbei an Hochöfen und Kokereien und verschmutzten Stadtteilen, und immer wieder ist neues Orientieren an Hand der Karte angesagt. Hier ist also „Schimmi„ zu Hause, na ja, kein Wunder, da muss man ja wie selbstverständlich zum Tier werden!

Letztlich ist die Ruhr erreicht und entspannendes Pausieren angesagt. Anette und Gisela freuen sich bereits darauf, heute mal früher ins Hotel zu kommen und entsprechend länger zu relaxen.

Weiter geht es durch Duisburg.

An der Stadtgrenze zu Mülheim setzt dann der ganz grosse Regen ein. Doch wieder haben die Vier das Glück, Unterschlupf zu finden, diesmal im Biergarten eines anatolischen Restaurants („Bei Sultan„ – Im September ist dort übrigens Bauchtanz, ja-ja!). Dieser Unterschlupf entwickelt sich zum Glücksfall, denn mit Hilfe des Wirts, der es sich trotz des Ruhetages nicht nehmen lässt, labende Getränke zu servieren, erfährt man einiges über die Möglichkeiten in Mülheim und Umgebung zu nächtigen. Darüber hinaus lässt er seine Zufallsgäste intensivst an seinen zukünftigen Planungen zur Nutzung der von ihm gepachteten Immobilie teilhaben. Schliesslich gelingt wiederum Albert der grosse Wurf in Form einer telefonischen Buchung für die kommende Nacht in einem Hotel mit dem vielsagenden Namen „Zum Jägermeister„ in Mülheim-Styrum. Albert ist noch heute von dem netten und freundlichen Telefon-Dialog mit dem Hotelier – nennen wir ihn der Einfachheit halber schlicht und ergreifend Mückenwirt – aufs Äusserste angetan.

Also Regen vorbei und ab aufs Rad, nur noch schlappe 3km. Und da ist auch er schon, der sagenumwobene Jägermeister, und in dessen Eingangshalle steht bereits der Mückenwirt in freudiger Erwartung neuer Gäste. Ab über die Strasse, die Fahrräder am dortigen Bahnhof abgegeben, und nix wie zurück in die gastliche Stube des Jägermeisters, die sich dann bei näherem hinsehen als Dunkelkammer mit Fassbieranschluss erweist. Das Mobiliar scheint aus den Zeiten des Deutschen Kaiserreichs übergeblieben zu sein. Nicht unerwähnt bleiben soll an dieser Stelle Christel, die Dame des Hauses. Diese Hoteliersgattin muss zweifellos irgendwann einmal in den frühen Tagen der Cranger-Kirmes erfolgreich der Geisterbahn entflohen sein, getreu dem Motto - Mit dem Gesicht kann man sich nur verstecken! -. Doch was soll es, erst einmal ein kräftiger Schluck zum Durstlöschen. Der Mückenwirt wittert bereits das Geschäft seines Lebens bei soviel durstiger Gesellschaft (aber er macht die Rechnung ohne den Wirt [schönes Wortspiel, oder], soviel ist schon mal klar), und man kann ahnen, wie eine grobe Umsatzabschätzung hinter seiner Denkerstirn abrollt. Die Blicke der Vier schweifen durch den Schankraum und bleiben auf einem Vogelkäfig haften, in welchem sich ein undefinierbares Federvieh aufhält. Manni`s Frage, um welche Spezies es sich denn dabei wohl handelt, nutzt der Mückenwirt zu einer beispielhaften Show, die im aus dem Stand glatte 100 Minuspunkte einbringt. Er laviert seinen zentnerschweren Körper, der gleich einer Weisswurst in der Pelle in ein grünes Jägerhemd und eine grüne Jägerhose gepresst ist, mehrfach durch den Raum. Wo am Körper normalerweise vorne ist, lugt eine eindrucksvolle Bierplautze (die ist ihr Geld schon wert!) heraus. Dabei wiegt er gedankenschwer und mit nachdenklicher Miene sein als Brille getarntes Kassengestell samt Gläser in der Hand, und schweigt und grinst listig in die Runde (Hoffen wir für uns alle, dass so eine Existenz niemals geklont wird!). Eine einzigartige Spannung macht sich breit. Schon befürchtet Manni nie das Geheimnis offenbart zu bekommen, da bricht es aus dem Mückenwirt hervor: „Er ist der Hüter des Waldes!!!!!!„ Albert kann nur mit Mühe die Frage, „Was macht der dann hier, warum ist er nicht im Wald und hütet den selbigen?„ herunterschlucken. Und wieder eine geistesschwangere Pause, dramaturgisch genial durch das Styrumer Urgestein in Szene gesetzt. Wer kann das sein, der Hüter des Waldes? Manni ist verzweifelt, und fragt sich zum wiederholten Male in seinem Leben, warum er denn damals im Biologieunterricht, als die heimische Fauna und Flora Thema des Unterrichtes war, nicht besser aufgepasst hat. Wieder dieses endlose Warten, Manni ist geneigt, vor dem Mückenwirt auf die Knie zu fallen und zu bitten, „Verrate mir doch den Namen, oh edler Mückenwirt!„ Dann endlich die Erlösung: „Es ist ein Eichelhäher!!!! (nein, ist nicht möglich!). Der ist vor 10 Jahren aus dem Nest gefallen. Und wir (?) haben ihn grossgezogen (Hat ihn eventuell Christel an ihrem nicht gerade üppigen Busen genährt?).„ Und um seine ornithologische Potenz vollends unter Beweis zu stellen, fügt er ungefragt hinzu, dass es nebenan noch eine Hupfdohle gäbe. Der einzige Gast zu dieser Stunde (und wahrscheinlich auch für den ganzen Tag), ein zahnloser Mitfünfziger aus der Bronx von Mülheim, ist fasziniert von soviel Sach-verstand, und lässt ehrfurchtsvoll und angestrengt das eben gehörte vor seinem geistigen Auge Revue passieren, was ihm sichtlich schwer fällt. Anette ist völlig perplex aufgrund dieser einzigartigen Vielfalt an Viecherei, und stellt sich vor, dass jeden Augenblick die Tür sich öffnet, und Lassie und Flipper mal eben auf ein Pils vorbeischauen. Gisela steht noch vollständig unter dem Eindruck dieser dramatischen Eröffnung, und fragt geistesabwesend, wie alt denn der Hüter wohl sei. „Neun Jahre!„ kommt es wie aus der Pistole geschossen vom Mückenwirt zurück (Ein biologisches Phänomen, dieser eigenartige Hüter, denn er ist ja demnach erst ein Jahr nach seinem verhängnisvollen Sturz aus der elterlichen Wohnung dem Ei entschlüpft, oder ist am Ende gar der Mückenwirt in seiner frühen Kindheit erst vom Wickeltisch und dann auf den Kopf gefallen?). Spätestens in diesem Augenblick wissen unsere vier Pedalartisten, dass der Mückenwirt einen solch` gewaltigen Schuss im Oberstübchen haben muss, der seinesgleichen diesseits und jenseits von Rhein und Ruhr und darüber hinaus sucht. Sofort wird die Erinnerung an Norman Bates und sein unheilvolles Treiben in diesem schaurig-schönen Motel in Kalifornien wieder wach (Wir werden uns gleich auf der Bude ganz genau den Duschvorhang anschauen!). Also nix wie weg und rauf auf die Zimmer. Aber halt, wieso Zimmer? Mein Gott, waren die Räumlichkeiten in Wesel schon, nennen wir es einmal gewöhnungsbedürftig, so schlägt dem Übernachtungswilligen hier das blanke Entsetzen entgegen. Der gerade noch erkennbare rudimentäre Anstrich scheint den Bombennächten des 2. Weltkrieges erfolgreich widerstanden zu haben, die Betten entstammen der frühen Hochphase des Gelsenkirchner Barocks, das Badezimmer ist in einem jammervollen Zustand, bspw. wird die Toilettenbrille nur noch von einer einzigen, altersschwachen Schraube gehalten (wer wagt es da noch, sich draufzusetzen, man ist quasi gezwungen, im Stehen zu Pinkeln, aber wie sagen wir es Anette und Gisela?) oder die Handtücher, die zu Hause nicht mal die Ehre hätten, als Putzlappen Verwendung zu finden. Die Löcher in der Bettwäsche erweisen sich nach intensiver Begutachtung dann schliesslich auch nicht als das Ergebnis flandrischer Klöppelkunst sondern als mahnender Fingerzeig für die ungezügelte Fresssucht Styrumer Motten.

Kurz gesagt, eine Zwiebelbude, wie sie man sich besser nicht vorstellen kann!!!

Christel im übrigen, ganz die Grand Dame, hat es sich nicht nehmen lassen, die Gäste eigenbeinig zum Zimmer zu begleiten. Und dort verweist sie auf den tollen Ausblick (siehe da, Fenster sind vorhanden, wenn auch schon länger nicht mehr geputzt!), und faselt etwas von einem „Aquadradido„ (?), das man auch nachts gut sehen könne (aber will das jemand?), weil es beleuchtet wäre. Na bitte, ist doch interessant, wer hätte das gedacht!

Unsere Helden sind indes von der Tagesetappe zu erschöpft, um ernsthaft Widerstand zu leisten und im übrigen schon hoch erfreut über den Umstand, dass keine Hüter oder Dohlen oder sonstige Flattermänner die Zimmer bevölkern. Sie ziehen es vor, dem Abend entgegen zu relaxen, sofern das unter den geschilderten Umständen möglich ist.

Abends geht es über die Strasse zum Restaurant „Alter Bahnhof„. Wie gehabt, gutes Essen für kleines Geld, Getränke gut, alles gut, und viel Spass gehabt. Zudem gibt die Wirtin zur allgemeinen Unterhaltung und Erbauung einiges an erheiterndem Insiderwissen zum Thema Mückenwirt und Jägermeister preis. Detailinformationen an dieser Stelle würden den Rahmen dieser Publikation eindeutig sprengen. Nur soviel sei verraten, der Mückenwirt ist in seinem Stadtteil bekannt wie ein bunter Hund.

Und dann, zu vorgerückter Stunde, zurück über die Strasse zum Jägermeister. Dort steht bereits – in perfekter Erfüllung seines Kundenbindungsprogramms - der grünberockte, füllige Körper des Oberspinners, eh Verzeihung, Mückenwirts in der Tür, der freundlicherweise auf die Rückkehr der Vier gewartet hat. Gut gelaunt (das wird Dir noch vergehen, das dämliche Grinsen!) gewährt er ihnen per Knopfdruck Einlass, frei nach dem Motto, „Betrachtet es als grosse Ehre, im historischen Jägermeister übernachten zu dürfen.„. Diese Einlassgewährung ist die Show schlechthin, dass muss man erlebt haben! Eine hochklomplizierte und durchdachte Technik sorgt dafür, dass sich das Treppenhaus in einem permanenten Verschlusszustand befindet. Am Ende dieses High-Tech-Prozesses steht ein Knopf und dahinter der Mückenwirt, der auf den selben drückt, wenn ein Gast Zugang zu seinem Hotelzimmer (sprich: seiner Zwiebelbude) begehrt. Egal zu welcher Zeit und wie oft, 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche. Welch ein Service!

So spart sich der Mückenwirt (wer den zum Freund, braucht keine Feinde) auf eine ganz geschickte und kostenbewusste Art und Weise die völlig überflüssige Bereitstellung von Hausschlüsseln für die Gäste. Zudem ist für ihn der ständige, kritische Dialog mit seinen Gästen gesichert.

Na denn, Gute Nacht!


10.08.2001 - 4. Etappe

Mülheim – Hattingen oder Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, aber Mimolina auf den Arsch

Ohne grossen Appetit Einnahme des Jägermeisterfrühstücks. Alle sind froh darüber, sich nicht in der Nacht und bei der morgendlichen Toilette (soweit die überhaupt möglich war) die Pest an den Hals geholt zu haben, sofern man dies nach so kurzer Zeit schon beurteilen kann. Einziger Lichtblick, man lernt endlich auch die am Vortag schon lobend erwähnte Hupfdohle kennen, die im Frühstückszimmer logiert. Deren Verwandte sind nach Alberts und Mannis übereinstimmender Meinung wohl auch die „Lieferanten„ der im Rahmen des oppulenten Frühstücks feilgebotenen Salami (?). Als Untermahlung dröhnen aus dem im Zimmer befindlichen Fernseher live von der Frankfurter Börse die aktuellen Kurse. Verständlich und nachvollziehbar, denn als Mann aus der Wirtschaft(!!!) muss man sein Ohr am Puls der selbigen halten, um ständig über alle Entwicklungen auf dem laufenden zu sein. Albert, aufgrund der frühen Stunde noch nicht ganz bei der Sache, schreit versehentlich: „Sofort alles abstossen!„, und erntet umgehend einen vernichtenden Blick der Hupfdohle. Schön anzusehen auch die metallenen Kaffekannen, die wahrscheinlich auf wundersame Art und Weise ihren Weg aus dem Vermächtnis derer zu Krupp und Boden-Hallbach hierhin zum Jägermeister gefunden haben, und denen die Jahrzehnte ins Metall geschrieben stehen. Am Rande des Frühstücks offenbart der Mückenwirt dann zusätzlich, dass er einer eher konservativ geprägten Kaufmannsphilosophie anhängt, die da lautet, Liquidität geht vor Bonität, denn die Frage, ob Kartenzahlung möglich ist, beantwortet er kurz und zackig mit den Worten: „Hier geht nur Bares!„. Beim Bezahlen der Beherbung bekommt unser Mückenwirt dann die eine oder andere wohlverdiente verbale Watsche von Anette zum Thema Preis und dargebotener Leistung um seine waidmännischen Ohren gehauen. Das hat zur Folge, dass dieser schlagartig die ihm eigene Form von Humor verliert, und er für einige Sekunden erkennbar nach Luft schnappt. Dadurch muss er endlich einmal sein Labermaul geschlossen halten. Doch wie es einen erfolgreichen Geschäftsmann auszeichnet, erklärt der Mückenwirt dann gut erholt und ausführlich sein durchdachtes betriebswirtschaftliches Konzept, nicht ohne seiner geschätzten Christel einen strafenden Blick ob der von den Gästen dargestellten Mängel entgegenzuschleudern. Schliesslich sei man ein Familienbetrieb, man müsse und könne nur von dem leben, was übrig bleibt, zum Renovieren sei kein Geld da, und ausserdem läge man 16% unter dem Durchschnittspreis der Mülheimer Hotels. Na bitte, dann weiterhin viel Glück! --- Und, nichts wie weg!!!
Die sich anschliessende Fahrt ist für die Vier sehr angenehm, es geht an der Ruhr und am Baldeneysee entlang, und von einem kurzen Schauer abgesehen spielt auch das Wetter wiederum noch mit.

Zudem heben die verschiedenen Ideen, wie man schlimmste Rache am Mückenwirt üben wird, allgemein die Stimmung. Wie wäre es zu Beispiel mit einem Grünkohlessen im Dezember für einen noch zu gründenden Verein, oder der Anfrage nach einem Wellness-Weekend von freitags bis sonntags, All-Inclusive versteht sich? Aber gemach, kommt Zeit, kommt Rache, denn unsere Vier werden sicherlich noch einigen Spass mit dem Meister der Zwiebelbude veranstalten.

Mit der einen oder anderen wohl dosierten Pause lässt es sich noch besser aushalten. Albert ist zudem von Gisela am Vorabend poppo-technisch bestens versorgt worden, so dass seine Beschwerden spürbar nachgelassen haben. Doch der Weg nach Hattingen ist weit. Und das Wetter nimmt immer nun doch immer unfreundlichere Züge an. An der östlichen Stadtgrenze von Essen schliesslich ist ein längerer regenbedingter Halt unausweichlich. Hinzu kommt das schwierige bergische Terrain, was gerade für Gisela und ihre unzureichende Fahrradhardware zur Tortur wird.

Auf der Abfahrt nach Hattingen steigt sie dann so unkonventionell vom Fahrrad, dass allen anderen der Schrecken ins Gesicht und Gisela das Blut aus der Hand steigt. Obwohl sie weiterfahren will, gelingt es mit vereinten Kräften, sie zur Aufgabe und anschliessenden Stippvisite im örtlichen Krankenhaus zu überreden.

Während sich Anette und Manni um die Übernachtung kümmern, testet Gisela die ärztliche Kunst des diensthabenden Arztes im örtlichen Krankenhaus, und zeigt sich anschliessend damit voll zufrieden. Das Gerücht, dass sie ausserdem aufgrund der vergangenen Übernachtung auch eine Seuchenvorsorgeuntersuchung hat vornehmen lassen, kann zudem Zeitpunkt weder bestätigt noch dementiert werden. Für den Rest des gemeinsamen Urlaubs trägt sie jedenfalls ihren geschienten Finger wie ein Symbol des Siegers vor sich her.

Die Erleichterung um den glücklichen Ausgang des unkonventionellen Fahrradabstiegs von Mimolina, die sich an jenem Abend zu einer wahren Grappa-Vernichtungsmaschine entwickelt (rein medizinisch indiziert natürlich!), motiviert unsere vier Helden zu einem grandiosen Abend in der malerischen Altstadt von Hattingen.

Denn hier stimmt einfach alles, das Essen mundet hervorragend, die Getränke sind okay, die Atmosphäre ist äusserst angenehm und die Bedienungen lassen sich zu manch einem Schabernack speziell mit Albert verleiten. Die Vier werden dort unter anderem auch Augen- und Ohrenzeugen des beispiellosen Balzrituals eines westfälischen Jünglings (analog zu Gisela mit modernem Gipsverband an der Hand), der um die Gunst einer niederbayrischen Maid buhlt (oder wollte er ihr eigentlich nur sein gebrauchtes Auto verkaufen?). Albert macht sich zudem verschärft Gedanken, wie das neue Fahrrad, dass er für Gisela beschaffen wird, auszusehen hat, und präsentiert allen seine detaillierten Vorstellungen dazu. Grösse, Gewicht, und, und, und................

Der Aufenthalt im Hattinger Hotel entwickelt sich im übrigen zum Hotelhighlight der Fahrradtour.


11.08.2001 - 5. Etappe

Hattingen – Dortmund oder Autofahren kann auch schön sein!

Der letzte Tag beginnt für unsere vier Freunde mit einem sehr guten Frühstück, zugegeben zu etwas späterer Stunde als sonst. Die Spuren des Vorabends sind nur mühsam zu verwischen, aber es klappt letztendlich doch.

Dann geht es daran, den Rücktransport von Fahrrädern und Radfahrern zu organisieren, was relativ schnell gelingt.

Und endlich im Auto sitzend verspüren unsere Vier dann das angenehme Gefühl und die Erkenntnis, das Radfahren zwar sehr schön ist, aber Autofahren doch auch etwas hat, oder!!!


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